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Projekt

Dörte Maack

22. Dezember 2017

Im Interview Dörte Maack: „Ich bin wahrscheinlich die einzige blinde Einrad-Fahrerin“

Dörte Maack erblindete vor etwa 15 Jahren. Sie schloss ihr Studium der Pädagogik, Linguistik und Sportwissenschaft mit anschließenden Lehraufträgen an der Uni Hamburg ab. Dörte Maack ist zertifiziert als Systemischer Coach und Systemische Teamentwicklerin, absolvierte zahlreiche Fortbildungen in den Bereichen Training und Moderation und konzeptioniert Workshops für Führungskräfte. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Coaching-Award 2016 ausgezeichnet. Für das Ausstellungsprojekt DIALOG IM DUNKELN® hat sie den Bereich „Teambuilding & Training“ aufgebaut und führt weltweit Workshops in lichtlosen Räumen durch. Bevor sie erblindete, lernte sie Einrad fahren, und das macht sie noch heute.

FRAU MAACK, SIE FÜHREN TRAININGS FÜR FÜHRUNGSKRÄFTE DURCH. WIE REAGIEREN DIE FÜHRUNGSKRÄFTE DARAUF, DASS SIE ALS IHRE TRAINERIN BLIND SIND?
Die Workshops für Führungskräfte, die ich gemeinsam mit einem Team aus ebenfalls blinden bzw. sehbehinderten Trainern und Coachs durchführe, finden in Teilen in völliger Dunkelheit statt. Dieses Setting holt die Teilnehmer raus aus ihrer Komfortzone und zugleich erleben sie einen Rollenwechsel. Die Teilnehmer erleben ihre blinden Trainer im Dunkeln nicht als behindert. Für die Phasen im hellen Seminarraum steht dann außer Frage, dass die blinden Trainer auch hier die Leitung übernehmen.
Die Erfahrung der letzten zehn Jahre hat gezeigt, dass die teilnehmenden Führungskräfte mit Neugier und Interesse auf die Blindheit ihrer Workshopleiter reagieren. Bei einigen Themen wie z. B. „Umgang mit Veränderung“ bringen die Trainer ihre persönlichen Erfahrungen der eigenen Erblindung aktiv in den Workshop ein, bei anderen Themen spielt Blindheit keine zentrale Rolle.
WIE STEHEN SIE SELBST ZUR FRAGE DER FÜHRUNG VON MENSCHEN MIT EINER BEHINDERUNG: MUSS FÜHRUNG NICHT PER SE SO STATTFINDEN, DASS ALLE MITARBEITER EINBEZOGEN, SPRICH INKLUDIERT WERDEN?
Beeinträchtigungen sind selten und individuell enorm unterschiedlich. Für Inklusive Führung ist es wichtig, Wissen über eine bestimmte Art der Beeinträchtigung zu erwerben, um seinen
Mitarbeiter besser unterstützen und einschätzen zu können. Auch kann es wichtig sein, das gesamte Team für Aspekte einer bestimmten Beeinträchtigung (Autismus, Hörbehinderung etc.) zu sensibilisieren.
WELCHE SITUATIONEN HABEN SIE SELBST ALS MITARBEITERIN MIT EINER BEHINDERUNG ERLEBT, BEI DENEN SIE DAS GEFÜHL HATTEN, DA HAT FÜHRUNG BESONDERS
GUT FUNKTIONIERT, UND DA HÄTTE ES UNBEDINGT BESSER FUNKTIONIEREN KÖNNEN?

Es freut mich, wenn ich merke, dass Leistungserwartungen an mich nicht geringer sind als an nichtbehinderte Kollegen, und wenn ich die gleichen Chancen zur beruflichen Weiterentwicklung bekomme. Es freut mich auch, wenn behinderungsbedingte Belange ohne weitere Diskussion berücksichtigt und geregelt werden, wie z. B. eine Beschriftung in Punktschrift oder ein Leitstreifen in einem neuen Gebäudeabschnitt. Es ist lästig, wenn meine besonderen Bedürfnisse, z. B. bei der Wahl einer neuen Firmensoftware, nicht mitgedacht werden und ich dies später einfordern muss.
JETZT HABEN WIR UNS MIT DER ROLLE DER FÜHRUNGSKRÄFTE BEFASST.
WAS ABER WÜRDEN SIE SICH VON DEN BETROFFENEN MITARBEITERN MIT EINER BEHINDERUNG WÜNSCHEN?

Das Allerwichtigste ist ein offener Umgang mit der eigenen Beeinträchtigung. Es muss für alle transparent sein, um welche Beeinträchtigung es sich handelt, was der betroffene Mitarbeiter deshalb eventuell nicht kann, welche Unterstützung hilfreich oder notwendig ist. Ein unverkrampfter, auch mal humorvoller Umgang mit der eigenen Beeinträchtigung hilft ebenfalls sehr. Dagegen vergiftet es die Atmosphäre, wenn der Führungskraft oder den Kollegen bei Fehlern im Umgang mit der Beeinträchtigung Diskriminierung explizit oder durch die Blume vorgeworfen wird.
FRAU MAACK, SIE SIND SCHON LANGE FÜR DIALOG IM DUNKELN® TÄTIG – EINE EINRICHTUNG, DIE SEHR ERFOLGREICH DIE LEBENSWELT VON BLINDEN UND SEHBEHINDERTEN MENSCHEN FÜR SEHENDE MENSCHEN ERLEBBAR UND ERFAHRBAR MACHT. WESHALB IST SO ETWAS AUS IHRER SICHT WICHTIG?
Die allermeisten Menschen haben keinen Kontakt zu blinden oder stark sehbehinderten Menschen und wissen kaum etwas über dieses Thema. DIALOG IM DUNKELN® leistet einen Beitrag zur Aufklärung über die Lebenswelten von blinden Menschen. Dies tut DIALOG IM DUNKELN® nicht in belehrender, sondern mit der interaktiven Ausstellung auf sehr lebendige Weise. Der direkte Kontakt zu einem blinden Guide spielt hier eine zentrale Rolle. So werden Neugier, Offenheit und Empathie gefördert und Vorurteile abgebaut. All dies ist eine Voraussetzung für Inklusion, denn man muss etwas übereinander wissen, wenn man gemeinsam leben möchte.
BEI WELCHEN THEMEN UND AUFGABEN BRAUCHEN
AUS IHRER SICHT GERADE KLEINE UND MITTELSTÄNDISCHE UNTERNEHMEN UNTERSTÜTZUNG, DAMIT SIE MIT DEN RAHMENBEDINGUNGEN DER INKLUSION BESSER ZURECHTKOMMEN?

Der sogenannte Förderdschungel ist für kleinere und mittlere Unternehmen nicht zu durchdringen. Welche Förderung kann bzw. muss ich wann, bei welcher Institution, in welcher Höhe beantragen? Auch verunsichert die Frage nach der Verlässlichkeit einer Förderung. KMUs brauchen transparente, unbürokratische und vor allem planbare Förderung aus einer Hand. Die Beschäftigung eines Mitarbeiters mit einer Beeinträchtigung darf keinen zusätzlichen Aufwand bedeuten.